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Am 27. Februar 2010 ordneten die Behörden in den Küstenregionen der Hawaii-Inseln Evakuierungsmaßnamen an und warnten die Bevölkerung frühzeitig vor einem durch das schwere Erdbeben in Chile ausgelösten Tsunami. Etwa 50.000 Einheimische und Urlauber suchten Schutz in Bergregionen und höher gelegenen Stockwerken. Dort warteten die Menschen auf die Wellen, die unaufhaltsam durch den Pazifischen Ozean mit mehr als 700 Kilometern in der Stunde auf Hawaii zu rollten.

Von Charlott Nicole Maas

Als der Mann an diesem Morgen aus dem Schlaf geweckt wird, meint er, einen Staubsauger zu hören. Er starrt auf die rote Digitalanzeige des Weckers. 6.00 Uhr. Es ist noch dunkel, doch das penetrante Heulen will nicht enden. Müde wälzt er sich aus dem Bett, hört in den Raum hinein, stapft auf den Balkon des Hotelzimmers, sucht den Unruhestifter. Ein lauer Wind empfängt ihn, fährt durch seine blonden Locken. Vor ihm liegt der Pazifischen Ozean. Welle um Welle rollt wie gewohnt heran, läuft auf den von Palmen gesäumten Strand, zieht sich wieder zurück. Auch die Brandung kann den schrillen Ton nicht übertönen. Er lauscht in die Finsternis hinein. Die zweite Woche seines Urlaubs an der Westküste von Maui, einer der acht Hauptinseln des Hawaii-Archipels, ist angebrochen, jener Inselkette, die mitten im Blau des weiten Zentralpazifiks liegt. Es ist Frühling, Hochsaison.

Sechs Stockwerke tiefer klappern Liegen auf einem Rasen. Zwei stämmige Polynesier stapeln die Sonnenbetten eilig übereinander, schaffen sie weg. Da begreift der Urlauber, und sein Pulsschlag beginnt zu rasen. Das Heulen stammt von einer Sirene, die Menschen vor anrollenden Wasserwällen warnen soll, vor Tsunamis,  die Liegen in die riesigen Fensterscheiben des Hotels schleudern können. Vor seinem geistigen Auge spulen sich die Fernsehbilder der gigantischen Flutwellen ab, die im Jahr 2004 über ganze Küstenlandschaften strömten, sie zerstörten und bei ihrem Rückzug ungezählte Menschen mit rissen. Szenarien von verstopften Hotelaufzügen, Straßen und in Panik geratenen Menschen drängen sich auf. Der Deutsche versucht sich zu beruhigen, zieht Hose und T-Shirt über, eilt aus dem Zimmer, hinaus auf einen menschenleeren Freiluftgang. Die Sirene ist verstummt. Autos füllen den Parkplatz vor dem Hotel, kein Mensch ist zu sehen. Der Morgen beginnt gerade zu erwachen. Vor einem ockerfarbenen Himmel zeichnen sich in der Ferne die Schatten der über tausend Meter hohen erloschenen Vulkane ab. An ihrem Fuß verläuft, parallel zur Küste, der kaum befahrene State Higway 30.

Ein Gong ertönt, die Aufzugtüren schieben sich zur Seite, ein Mann mit Stoffhose und weißem Hemd steigt aus der Kabine, trifft auf den deutschen Urlauber. „Das ist eine Tsunami-Warnung,“ sagt der Amerikaner und lugt besorgt durch seine Brille. In aller Ruhe erklärt er dem Deutschen, dass am gestrigen Abend schwere Erdstöße der Stärke 8.8 die Küste Chiles erschüttert und einen Tsunami ausgelöst haben. „Die Küstenstreifen werden evakuiert. Wir müssen das Hotel verlassen. Viel Glück!“, sagt der Mann und eilt davon. Der Deutsche versucht, das Unfassbare zu begreifen, huscht in den Aufzug und fährt hinab ins Erdgeschoss.

In der Lobby des Hotels verteilt eine mollige Polynesierin in Shorts, Flip-Flops und Hawaiihemd Blätter, auf denen Fluchtwege beschrieben sind. Eine Gruppe von Amerikanern lauscht besorgt den Worten von Karen, der Rezeptionistin. Die zierliche Frau in langem Kleid und asiatisch geschnittenem Gesicht schaut durch ihre Brille. „Fünf Stunden bleiben noch. Ab 11.00 Uhr müssen Sie sich bergseitig des Highways befinden.“ Sie weist die Urlauber an, alle Sachen zu packen und die Schutzräume in einer höher gelegenen Schule aufzusuchen. „Wie ernst ist es?“, fragt der deutsche Urlauber. Karen zuckt mit den Schultern. „Wir wissen es nicht. Hilo, die Hauptstadt der Hawaii-Insel Big Island, hat es schon zwei Mal erwischt“.  Auch im Mai 1960 hatte die Erde vor der Küste Chiles gebebt. Fünfzehn Stunden später erreichte die erste Tsunami-Welle das an einer Bucht gelegene Hafenstädtchen Hilo. Als sie keinen Schaden anrichtete, kehrten die Menschen zurück in ihre Häuser. Sie wussten nicht, dass Tsunamis seismischer Natur aus einer Serie von Wellen bestehen und waren ahnungslos, als sich die sechste Welle in die Bucht von Hilo drängte, zu einer elf Meter hohen Wasserwand anwuchs und mehr als 500 Häuser wegschwemmte. 61 Menschen kamen um. „Ein solches Unglück soll nicht noch einmal geschehen, deshalb gilt die Warnung für alle Inseln“, erklärt Karen weiter.

Schon 1946 waren Tsunami-Wellen in der Bucht von Hilo auf vierzehn Meter angeschwollen und hatten 160 Menschen in den Tod gerissen. Nach der Katastrophe wurde das Pacific-Tsunami-Warning-Center (PTWC) gegründet. Das Tsunami-Frühwarn-System mit Sitz auf der Hawaii-Insel Oahu überwacht seither mit Hilfe spezieller Messbojen den Pazifischen Raum. Die Bojen erhalten ständig Signale von Sensoren, die in den bis zu 6000 Meter tief liegenden Meeresboden eingegrabenen sind. Bebt die Erde, hebt sich der Meeresspiegel und der Fühler schickt die Informationen vom Grund des Ozeans hinauf zur Boje, die sie an einen im Orbit kreisenden Satelliten sendet. Als sich in dieser Nacht die Höhe des Meeresspiegels veränderte, hatte die einzige Messboje, die zwischen dem südamerikanischen Kontinent und dem Hawaii-Archipel im Pazifik dümpelt, Alarm geschlagen und ihre Daten über Satellit nach Hawaii geschickt. Ihre Auswertung ergab, dass die Wellen unaufhaltsam mit der Geschwindigkeit eines Düsenjets durch den Pazifischen Ozean in nordwestlicher Richtung auf den Archipel zurasten. Geschätzte Ankunftszeit der ersten Welle: 11.05 Uhr. Erstes Ziel: Hilo, Big Island, die größte der Inseln. Geschätzte Wellenhöhe bei Ankunft: Drei Meter. Das PTWC ordnete eine Tsunami-Warnung an.

Der Deutsche eilt zurück ins Zimmer, schaltet den Fernseher ein, wirft seine Sachen in den Koffer. Die lokalen Sender berichten über die anrollenden Wellen und die Evakuierung auf den Hawaii-Inseln. Die Menschen werden aufgefordert, sich für fünf bis sieben Tage mit Wasser und Nahrungsmitteln zu versorgen. Schon in der Nacht öffneten Geschäfte, Einheimische und Urlauber machten sich auf den Weg in die Berge. Fernsehbilder zeigen lange Schlangen vor Tankstellen und den Kassen der Supermärkte. Der Deutsche zurrt den Reißverschluss des Koffers zu. Eine Stimme schallt aus einem Lautsprecher: „Das ist eine Tsunami-Warnung. Verlassen sie das Hotel.“ Es klopft an der Tür. Auch der Mann in brauner Dienstkleidung fordert den Urlauber auf, das Zimmer zu verlassen. „Falls sie bleiben, tun sie das auf eigene Gefahr“, sagt der Amerikaner und eilt zum nächsten Zimmer. Noch ein Blick über das Meer: Sonnenstrahlen, smaragdgrüne Wellen, Palmen im warmen Wind. Unvorstellbar, dass rollende Wasserberge dieses Ferienidyll in fünf Stunden zerstören, Korallenriffe und Strand verwüsten, das Hotel und Straßen unbegehbar machen könnten. Er wischt die Gedanken beiseite, packt seinen Koffer, verlässt Zimmer und Hotel.

Vorbei an feuerroten Flamboyantbäumen, Golfplätzen, Oleandersträuchern, bunten Holzhäusern, Palmen, Hotelparks und Papayabäumen, treibt der Deutsche sein Fahrzeug über den kaum befahrenen Highway. Er schaltet das Autoradio ein. Ein lokaler Sender meldet: „Das ist kein Scherz. Wenn Sie das Salz des Meeres riechen können, flüchten Sie, wenn Sie den Ozean sehen oder hören, flüchten Sie, machen Sie keine Fotos für YouTube!“ Offenbar gilt die Evakuierung für alle Inseln. Hubschrauber der Küstenwache kontrollieren Strände. Auf der Insel Maui schließen Wasser- und Elektrizitätswerke ihre Tore. In Honolulu, der Hauptstadt der bekanntesten Hawaii-Insel Oahu, sperren die Behörden den berühmten Waikiki-Beach.

Die Straße führt in die Berge, vorbei an geparkten Fahrzeugen, wartenden Menschen, Ananasfeldern. Am Ende der Straße erreicht er den Schulcampus, parkt neben fünf gelben Schulbussen. Reggae-Musik schallt über das Gelände, Menschen irren auf Wegen umher, haben sich auf einer, in die Landschaft hineinragenden Terrasse versammelt. Auf ihren gelben Fliesen sitzen kräftige Polynesier auf Matten, singen, spielen Karten, andere stellen Schulbänke für die Wartenden auf. Aus Radios ertönen aktuelle Berichte über die anrollenden Wellen. Auf einer Mauer sitzen ältere Paare in Hawaiihemden, diskutieren in breitem Amerikanisch über die drohende Gefahr. Andere lassen ihren Blick über die Küstenlandschaft schweifen oder machen mit Kameras Fotos, um den Augenblick festzuhalten. Auch der Deutsche setzt sich auf die Mauer, schaut zur Küste, hinab auf die kleine Hafenstadt Lahaina. Eingebettet in Palmenhaine liegen kleine bunte Holzhäuser wie Miniaturbauten an schachbrettartig angelegten, verlassenen Straßen. Hinter dem dicken braunen Schornstein der alten Zuckerrohrfabrik spiegelt der fast unbewegte Ozean den Himmel in mattem bleigrau. Segelboote, Katamarane und Motorboote, laufen aus dem Hafen aus, zwei Seemeilen entfernt schaukelt eine ganze Ansammlung von Booten im Meer, warten in sicherer Entfernung zur Küste auf die Wellen. Nur noch ein großes Schiff liegt im äußeren Hafen, fest vertäut an Bojen.

Ein Raunen geht durch die Menge, als ein lokaler Radiosender berichtet, dass ein Mann mit seinem Surfbrett in die Bucht von Hilo paddelt. Ein Mitarbeiter des PTWC erklärt dem Moderator, dass ein drei Meter hoher Tsunami nicht zu unterschätzen sei. „Das ist keine normale Welle zum Surfen“, sagt er. „Wir alle wissen, dass Wellen von über zehn Metern in den Wintermonaten keine Seltenheit an den Nordküsten der Inseln sind“. Die Riesenwellen, die Hawaii im Winter zum Paradies für die weltbesten Surfer machen, entstehen weit draußen auf dem Ozean. Ein Tiefdruckgebiet im hohen Norden schickt Wind aufs Wasser, ein Wintersturm entwickelt sich, ein Orkan entsteht. Über Tausende von Kilometern peitscht er die Wellen durch den Ozean, füttert sie mit Energie, formt sie zu Giganten. Erst die ansteigenden Küstengewässer vor den Hawaii-Inseln bremsen sie ab, lassen sie bis auf 30 Meter hoch ansteigen. Die Wellen überschlagen sich, stürzen in die Tiefe, laufen mit letzter Energie an den Stränden aus.

Die Stimme aus dem Radio erklärt: „Eine Tsunami-Welle ist deshalb so gefährlich, weil sie, anders als Sturmwellen, auch die unteren Wasserschichten des Ozeans bewegt“. Auf offener See reiche sie kaum mehr als einen Meter über den Meeresspiegel, unter Wasser aber erstrecke sich die Wassersäule bis hinab auf den über 5000 Meter tiefen Meeresgrund. Treffe die Welle auf die ansteigende Küste, wachse sie mit ihr wie eine steigende Flut empor. „Sie ergießt sich als riesiger Wasserberg über die Küstenlandschaft“, erklärt der Wissenschaftler. Die Küstenwache meldet, dass sie den Wellenreiter aus dem Wasser geholt hat. Die Menschenmenge lacht laut auf.   

Als die lokalen Radiosender um 11.00 Uhr nach Hilo schalten, wird es still auf der Terrasse. Die Sonne brennt vom Himmel, immer noch unbewegt ruht der Ozean in bleiernem Blau. „Eine Echtzeitkamera ist auf die Bucht von Hilo gerichtet“, sagt ein Reporter. „Sie zoomt gerade auf einen Fluss, der in die Bucht mündet und von einer Brücke überspannt wird. An ihren Pfeilern erkennt man den Pegelstand des Meeres“.

Um 11.15 Uhr kräuselt sich Wasser vor der Brücke, um 11.19 Uhr schwappt die erste Welle, kaum sichtbar, gegen die Brückenpfeiler, eine Viertelstunde später lässt die zweite Welle den Meeresspiegel sinken und Uferstreifen freilegen. Das Wasser flutet zurück in Bucht und Fluss, dann schwappt es wieder als braune Brühe zurück ins Meer. „Wie wir sehen konnten, ist der Wasserspiegel nur wie bei einer durchschnittlichen Flut gestiegen, keine Schäden wurden gemeldet“, sagt der Reporter. Das Stimmengewirr auf der Terrasse schwillt wieder an.  

Zwanzig Minuten später schaut der deutsche Urlauber durch sein Fernglas zum Hafen. Wasser legt schwarze Steine und blasse Korallenformationen frei, verschluckt sie wieder. Aus dem Hafen der Inselhauptstadt von Maui berichtet ein Radioreporter: „Der Pegel ist um 1.80 Meter angestiegen, jetzt sinkt er wieder“. Entwarnung.

Die Menschenmenge kommt in Bewegung. Matten, Stühle, Radios und Wasserflaschen werden eingepackt, Fahrzeuge verlassen das Schulgelände. „Es kann bis zu sechs Stunden dauern, bis die Tsunami-Wellen die Inseln passiert haben. Bitte bleiben Sie solange an geschützter Stelle, bis Entwarnung gegeben wird“, ertönt es aus dem Radio.  

Als die Behörden um 13.38 Uhr die Tsunami-Warnung aufheben, haben die meisten Menschen das Schulgelände schon verlassen. Der deutsche Urlauber steigt in sein Fahrzeug, steuert es über die kaum befahrene Straße Richtung Highway, vorbei an geschlossenen Tankstellen und Geschäften. Als er das Hotel erreicht, ist der Parkplatz fast besetzt, Urlauber rollen ihre Koffer zurück in die Zimmer. Ein Amerikaner schwingt seine Tasche aus dem Kofferraum. „Was für ein Abenteuer“, sagt er und rollt mit den Augen. Fünf Minuten später steht der Deutsche auf dem Balkon seines Hotelzimmers. Kleine weiße Wölkchen ziehen über den blauen Himmel. Die aufgekommenen Passatwinde lassen Palmen rascheln wie Regen, der auf eine Straße prasselt. Die Nachmittagssonne färbt das windbewegte Meer in sattes Königsblau, die Wellen branden an den Strand. Parallel zur Gischtlinie zeichnet sich im Sand ein breiter, feuchter, noch unbetretener Streifen ab. Wie ein stummer Zeuge zeigt er Spuren der Tsunami-Wellen, die vor mehr als vier Stunden den Strand mit ihrem Wasser benetzten. „Diesmal ist es gut gegangen“, sagt der Deutsche und sinkt müde in einen Liegestuhl.

Hawaii, USA, 2010